28.07.2020 (MD)

Und ich, ich bin schon wieder in den Norden gefahren. Und es ist erstaunlich, wie schnell ich mich daran gewöhne, dass es täglich regnen kann. Und die Wiesen sind richtige Wiesen, das höre ich hier mehr als einmal, also sie sind saftig grün, die Wiesen. Und am Abend, da werfe ich mir eine Jacke über die Schultern, zünde mir eine Zigarette an und suche die Sterne zwischen den Wolken.
Die Lage mit beiden Beinen auf der Wiese: Tiefdruck.

23.07.2020 (ML)

ein langer, viel zu warmer tag, drückende hitze.

die hagia sofia ist jetzt wieder eine moschee geworden, ab morgen wird gebetet. auch erdoğan ist dabei. schauspieler*innen dürfen sich wieder küssen – ohne sich (danach und davor) in die quarantäne begeben zu müssen.

die lage: hochdruck.

18.07.2020 (MD)

Vor ein paar Tagen. Am Abend. Es regnet, während ich auf dem Fahrrad sitze und von dem Osten in den Westen der Stadt fahre. Neben mir fährt C. und wir unterhalten uns. Denn das dürfen wir jetzt. Das dürfen alle, also alle dürfen auf dem Fahrrad neben einem anderen Menschen, der auf einem Fahrrad sitzt und in die Pedale tritt, fahren. Keiner muss mehr überholen. Alle können also das Lachen der anderen sehen oder eben auch die Grimassen, weil es regnet.
Wir sind nass. Und unsere Klamotten sind nass. Also trinken wir im Westen der Stadt, es regnet immer noch, ein Bier. Draußen vor der Tür. Da sitzen wir. Unter einem dieser Schirme, die den Regen abhalten sollen oder auch die Sonne. Doch der Schirm, unter dem wir sitzen, auf Klappbänken, an Klapptischen, so wie sie unter dem Pavillon eines Dorffestes stehen, hält dem Regen nicht stand, wie man so sagt. Doch dann hört es endlich auf zu regnen. Und wir trinken noch ein Bier und unterhalten uns mit C., der auch noch hinzukommt.
Später dann, ich habe mich neben C. in einem Haltestellenhäuschen auf diese Wartebank gesetzt und noch ein Bier getrunken, und C. ist schon nach Hause gefahren. Später also, es ist ja Sommer, bin ich wieder trocken. Und als ich noch später in Richtung Osten rolle, summt unter mir der nasse Asphalt. Und im Clarapark knirscht der feine Kies und auf der Sachsenbrücke sitzen auch in dieser Nacht drei Menschen, und ich frage mich, also wirklich, ob die gar nicht an ihre Nieren denken und an den Stoff ihrer Hosen, der jetzt nass sein muss.
Und dann rolle ich in den Kreisverkehr hinein. Und weil ich alleine bin, rolle ich noch eine extra Runde. Ich sehe nur selten die Lichter eines Autos.
Und dann sehe ich gar kein fahrendes Auto mehr. Und hinter dem Krankenhaus, da blinkt das P, das anzeigen soll, dass in diesem Haus Autos parken können.
Und nirgends ist ein Mensch zu sehen. Auch später am Grassi-Museum nicht. An der Dresdner Straße nicht. An der Klasingstraße nicht. Am Rabet nicht. Bis ich zu Hause bin, begegne ich keinem Menschen mehr.

15.07.2020(ML)

ich habe früchtetee gekauft. aus getrockneten beeren, als ich sie nachts mit heißem wasser übergoss, sind die beeren riesig geworden, riesige erdbeeren und himbeeren schwammen in einer riesigen teeschüssel. knallrot. alles.

und ihr so?

10.07.2020 (ML)

ich sehe mich von oben. ich bin teil einer schwarzen schlange, die sich ganz langsam bewegt. es ist heiß und windig. johnny cash auf geige kann nicht gut klingen. ring of fire in slow motion. ganz vorne liegt der bass, den niemand mehr spielen wird. darauf unsere namen. der wind ist zu laut. ich verstehe die zusammenhänge nicht. dann sehe ich mich rosenblätter und erde hineinwerfen, ins offene grab. auf dem grabstein stehen fremde namen aus längst vergangener zeit. ich begreife noch lange nichts.

später rauchen wir und essen eis. an der tankstelle. wir fahren sehr lange zurück und sind irgendwie immer noch unterwegs. noch nicht angekommen. im kopf tausende bilder und im telefon eine nummer und etliche nachrichten. die letzte ist gar nicht so lange her.

06.07.2020 (ML)

manchmal prallen mehrere welten aufeinander und darauf ist nie jemand vorbereitet.

früh am morgen, es ist noch frisch, am see schlagen die wellen hoch, wenn ich ins wasser eintauche, bin ich ganz woanders  – und es ist manchmal schwer wieder ans ufer zu schwimmen und diese andere welt zu betreten. die, wo das telefon klingelt. es gibt termine zu vereinbaren, dinge zu besprechen … ich muss noch u anrufen, die heute geburtstag hat, denke ich. und dass es schön ist, heute, jetzt. dann klingelt die andere welt und übertont auf einmal alles.

m ist tot.

m, den ich in letzter zeit zu wenig besucht hatte, weil er es nicht wollte. es ging ihm nicht gut. und wenn er doch ans telefon gegangen war, merkte ich, es ging ihm richtig schlecht. er wollte uns alle nicht sehen. er wollte allein sein. es hieß, er hätte in den letzten wochen  (oder monaten?) die wohnung nicht mehr verlassen. ich hatte mich gefragt, ob er genug zu essen hatte. er wollte nicht, dass ich etwas vorbeibringe. vor einem monat stand ich mit frisch gebackenem kuchen vor seiner tür. er hat nicht aufgemacht und ich musste den kuchen wieder mitnehmen. später sagte er am telefon, er hätte wohl tief geschlafen und dann, dass alles wieder gut werde. jetzt wurde er in seiner wohnung gefunden. tot. wahrscheinlich lag er schon seit vielen tagen da. allein.

30.06.2020 (ML)

es ist zeitlos früh. ich fahre zum see. hab grünen tee dabei und eine prise salz.  es ist viel zu früh. für alles. die wellen schlagen viel zu hoch.

28.06.2020 (MD)

Ich sitze auf dem Balkon und weiß nicht, ob ich schon träume, ob der Regen auf meiner Haut real ist oder oder die Sterne am Himmel Sterne am Himmel sind. Doch meist ist es gar nicht möglich, Sterne am Himmel zu sehen, wenn es regnet, denke ich. Also beschließe ich zu träumen. Und kurze Zeit später sagt eine Stimme zu mir: Leipzig ist eine Stadt. Sie ist arm und reich zugleich. So wie viele Städte. Denn arm und reich ist immer eine Frage der Perspektive. Das wussten schon die Menschen im Alten Rom, wie man so sagt, auch wenn die Menschen im Alten Rom darüber vielleicht gar nicht gesprochen haben. Wichtig ist: für viele Menschen liegt Leipzig in den Neuen Bundesländern, was auch immer das heißen soll und für manche ist Leipzig so ganz anders als es in den Neuen Bundesländern sein soll, was auch immer das bedeuten soll. Leipzig ist eine Stadt, und das ist das Wichtigste.

28.06.2020 (ML)

du stehst mit den vögeln auf, mit dem allerersten gezwitscher, die mauersegler werden heute sehr niedrig fliegen. du nimmst ein handtuch (mittelgroß) und ein päckchen salz (meeressalz, ohne zusätzlichen jod) und gehst, ganz langsam, durch den wald zum see.  du suchst dir einen platz, der passt, breitest das handtuch aus, ziehst dich aus, legst dich hin und machst die augen zu. du atmest. ein und aus. ein und aus. ein und aus. undsoweiter. dann.

nimmst du das salz und reibst dich vorsichtig damit ein, überall. den rest behältst du in der hand. sie umklammert das salz. du stehst auf und gehst, die augen sind immer noch geschlossen, ins wasser, so tief du kannst. dann öffnest du deine faust, ziehst die hand aus dem wasser und leckst nacheinander alle finger ab.

du bist am meer.

27.06.2020 (ML)

sie sagen, es wird regnen, der sturm wird kommen und vielleicht auch der hagel. sie sagen es seit tagen. ich warte.

der sturm liegt schon in der luft. irgendwo. wenn ich die augen schließe, türmen sich schwarze wolken am himmel, knallen schwere tropfen auf den heißen asphalt. derweil schalte ich den ventilator ein und bleibe auf dem boden kleben. rücklings liegend. und ich warte. ich warte, bis der regen an meiner tür klingelt.